Der europäische Logistikmarkt ist nicht mehr durch einfache Konjunkturzyklen geprägt. Volatilität und Kapazitätsengpässe werden zu dauerhaften Merkmalen der Branche, wie Girteka Logistics in ihrer jüngsten Marktanalyse feststellt.
Die Produktionstätigkeit in der Eurozone bewegt sich weiterhin um die Schwelle zwischen Expansion und Kontraktion, während die Frachtnachfrage ungleichmäßig bleibt und sehr empfindlich auf kurzfristige Veränderungen reagiert. Gleichzeitig sind die Transportkapazitäten in ganz Europa strukturell begrenzt, was zu einem Paradoxon führt: Eine gedämpfte Nachfrage trifft auf einen Markt, dem es an zusätzlichen Lkw mangelt, die plötzliche Volumensänderungen auffangen können. Diese Spannung ist heute in der gesamten europäischen Logistiklandschaft spürbar.
Seit der Pandemie sind die Insolvenzen im europäischen Transport- und Lagerungssektor im Vergleich zu historischen Basiswerten um rund 180 Prozent gestiegen. Damit ist eine große Anzahl kleiner und mittlerer Transportunternehmen dauerhaft vom Markt verschwunden. Viele andere haben ihre Flotten verkleinert oder Investitionen verschoben, während Tausende kleinerer Transportunternehmen die Branche gänzlich verlassen haben. Infolgedessen ist der traditionelle „Sicherheitspuffer” an Reservekapazitäten weitgehend verschwunden.
Im Gegensatz zur Nachfrage erholt sich die Kapazität nicht so schnell. Die Betreiber sind aufgrund steigender Compliance-Kosten und anhaltender regulatorischer Unsicherheiten zurückhaltend bei Investitionen in neue Lkw, da die Mautgebühren, Meldepflichten und grenzüberschreitenden Vorschriften weiterhin im Umbruch sind. Mit zunehmendem regulatorischen Druck entsteht etwas, das viele Betreiber heute als „Regulierungs-Inflation” bezeichnen:
- Die CO₂-abhängigen Mauterhöhungen in Deutschland waren das erste wichtige Signal.
- Bis Mitte 2026 wollen die Niederlande die Eurovignette durch ein entfernungsabhängiges Gebührensystem ersetzen, weitere Länder dürften folgen.
- Maut- und Straßengebühren sind nicht mehr nur ein marginaler Kostenfaktor. In wichtigen europäischen Märkten haben CO₂-gebundene und entfernungsabhängige Systeme die Mautgebühren auf durchschnittlich etwa 14 Prozent oder mehr der gesamten Frachtkosten – je nach Land – und auf bis zu etwa 23 Prozent für bestimmte Einzelfahrten erhöht. Zudem ist mit weiteren Steigerungen zu rechnen, da entfernungsabhängige Gebührensysteme immer mehr Verbreitung finden.
„Das ist kein zyklisches Problem, das sich bald von selbst lösen wird. Selbst wenn die Nachfrage nachlässt, verfügt der Markt nicht mehr über genügend freie Lkw, um Schwankungen abzufedern. Deshalb brechen die Spotraten trotz der fragilen Lage der Binnennachfrage in der EU nicht mehr so ein wie früher“, erklärt Tomas Šilinikas, Pricing Director bei Girteka.