Pioniere basteln in Rotterdam am E-Binnenschiff der Zukunft

Alle drei beteiligten Partner tragen das Risiko und haben sich verpflichtet, das Konzept zum Erfolg zu führen. Dabei bringt jede der Parteien ihre eigenen Stärken ein.

Pioniere basteln in Rotterdam am E-Binnenschiff der Zukunft Bild: PortofRotterdam

Die Binnenschifffahrt ist seit Jahrzehnten das Rückgrat des Rotterdamer Hafens und der europäischen Wirtschaft. Jährlich werden 140 Mio. Tonnen trockene und flüssige Massengüter, Stückgut und Container über Flüsse und Kanäle ins Hinterland transportiert. Es handelt sich um eine effiziente und relativ saubere Modalität. Dennoch steht der Sektor unter Druck.

„Die Binnenschifffahrt muss nachhaltiger werden“, argumentiert Marnix Vos, Projektleiter bem Logistikdienstleister Nedcargo. „Der Sektor hatte schon immer den Vorteil, dass viel Fracht mit relativ geringem Kraftstoffverbrauch transportiert werden kann. Aber andere Verkehrsträger holen auf. Der Straßengüterverkehr beispielsweise entwickelt sich mit Elektro-Lkw und effizienteren Motoren rasant weiter. Wenn wir nicht handeln, werden wir an Boden verlieren.“

Das ist auch die Meinung von Eduard Backer, CEO der Inland Terminals Group (ITG). Das Unternehmen kümmert sich um den Containertransport von und zu Seehäfen wie Rotterdam. „Das machen wir intermodal über unsere 17 Inlandterminals. Damit haben wir das größte Netzwerk in den Benelux-Ländern“, so Backer.

Die Binnenschifffahrt sei seiner Meinung nach äußerst effizient: „Auch für unsere Kunden im Hinterland. Unser Sektor sorgt dafür, dass die Häfen für das Hinterland erreichbar bleiben, aber das muss immer nachhaltiger werden. Einerseits wegen der regulatorischen Anforderungen hinsichtlich schädlicher Emissionen. Andererseits, weil unsere Kunden selbst nachhaltiger werden wollen und müssen.“

Eduard Backer: „In zehn Jahren wird es einfach nicht mehr möglich sein, so wie heute zu arbeiten, wenn wir die gleiche Anzahl an Containern verschiffen wollen, wie es aktuell der Fall ist. Und wenn wir die Häfen zugänglich halten wollen, dann nur auf dem Wasserweg. Es gibt wirklich keine andere Möglichkeit, weil einfach kein Platz vorhanden ist. Durch mehr Nachhaltigkeit behält der Sektor seine ‚licence to operate‘.“

Nedcargo und ITG gehen deshalb einen Schritt weiter und investieren in eine zukunftssichere Binnenschifffahrt. Dabei haben sie mit Zero Emission Services (ZES), einem Unternehmen mit Ebusco, ING, Wärtsilä und der Port of Rotterdam Authority als Anteilseignern, den perfekten Partner gefunden.

Gemeinsam übernehmen die Partner eine Vorreiterrolle bei der weiteren Nachhaltigkeitsoptimierung der Binnenschifffahrt mit der Umrüstung des Containerschiffs „Den Bosch Max Groen“ auf batterieelektrischen Fahrbetrieb zwischen Den Bosch, Moerdijk und der Maasvlakte. Zuvor wurde bereits die „Alphenaar“ umgebaut. Dieses Schiff fährt seit 2021 mit ZES-Technologie.

Das Herzstück dieser innovativen Technologie sind die von ZES entwickelten ZESpacks. Diese 20-Fuß-Standardcontainer sind mit Batterien gefüllt, die entlang wichtiger Schifffahrtsrouten mit 100% Ökostrom aufgeladen werden. Das Fahren mit diesen austauschbaren Batterien ist sauber, leise und emissionsfrei.

„Gerade weil wir Standardcontainer verwenden, entsteht eine skalierbare und austauschbare Lösung”, erläutert Michael Beemer, CEO von ZES. „Als Schiffsführer muss man nicht warten, bis die Batterie geladen ist. Man tauscht einfach aus und fährt weiter. Dadurch ist dieses System für die Schifffahrt sehr praktisch. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Batterie zu den günstigsten Zeitpunkten aufgeladen werden kann. Theoretisch ist es möglich, die Batterie in nur drei Stunden vollständig aufzuladen.“

Auch das von ZES verwendete Pay-per-Use-Modell bietet Vorteile: Schiffseigner müssen keine kostspieligen Investitionen in Batterien oder Infrastruktur tätigen, sondern zahlen nur für den Energieverbrauch. „Natürlich investieren Schiffseigner in den Umbau des Schiffes, aber dafür können sie in Zusammenarbeit mit uns die Schiffssubvention in Anspruch nehmen, sodass ein Teil dieser Kosten gedeckt ist“, erklärt Michael Beemer.

Die Zusammenarbeit zwischen Nedcargo, ITG und ZES ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Alle drei Partner tragen das Risiko und haben sich verpflichtet, das Konzept zum Erfolg zu führen. Dabei bringt jede der drei Parteien ihre eigenen Stärken ein.

Als „Energieversorger“ liegt der Schwerpunkt von ZES auf der (Weiter-)Entwicklung der Batterietechnologie und Ladestationen sowie der möglichst effizienten Bereitstellung von Energie. Michael Beemer: „Die Betriebskosten sind derzeit noch höher als bei konventionellen Schiffen. Eine effiziente Nutzung der Batterien, die Optimierung der Ladeinfrastruktur und eine Skalierung sind unerlässlich.“

Nedcargo ist Betreiber des Schiffes und bringt seine Expertise in den Bereichen Binnenschifffahrt und nachhaltige Logistik ein, während ITG sich auf die Abwicklung konzentriert. Das Netzwerk von siebzehn Binnenlandterminals in den Niederlanden und Belgien bietet dabei eine strategische Plattform für den weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur. Derzeit gibt es zwei Ladestationen: eine in Alblasserdam und eine in Den Bosch, von wo aus hauptsächlich die Exporte für den Projektförderer Heineken transportiert werden.

ZES baut weitere Ladestationen entlang des transeuropäischen Verkehrsnetzes in den Niederlanden und expandiert nach Deutschland und Belgien. „Ohne ein gutes Netzwerk bleibt die Hemmschwelle für Schiffseigner hoch, wohingegen das Netzwerk nicht wächst, wenn nicht genügend Schiffe batterie-elektrisch fahren. Dieses Henne-Ei-Problem versuchen wir zu überwinden“, erklärt Michael Beemer.

Seiner Meinung nach könne eine Binnenschifffahrt, die zu 100% emissionsfrei ist, nur gelingen, wenn die gesamte Kette mitmacht. „Partnerschaften sind entscheidend, um eine gewisse Größe zu erreichen. Durch gemeinsames Handeln wird das Ganze bezahlbar und zuverlässig.“

Die Parteien sehen sicherlich auch Vorteile für die Verlader. Eduard Backer: „Zurzeit konzentrieren sie sich vor allem auf ihre eigenen Distributionszentren oder Produktionsstätten. Die Emissionen aus dem Transportwesen sind für sie oft noch ein Thema, das weit weg von ihrem Alltag ist.“

Aber man könne sich darauf gefasst machen, dass auch diese Scope-3-Emissionen, die oft den größten Teil ihres CO2-Fußabdrucks ausmachen, an die Reihe kommen werden. Letztlich sei Nachhaltigkeit für alle – und für alle Glieder der Kette – notwendig. „Dann ist es gut, nach vorne zu schauen. Auch weil Entwicklungen manchmal Zeit brauchen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um vorausschauend zu handeln“, meint Eduard Backer.

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