Rund die Hälfte der Projektlogistiker aus dem Umfeld der BHV – Bremische Hafen- und Logistikvertretung e.V. sind in den vergangenen zwölf Monaten durch Cybervorfälle direkt oder indirekt in ihren Abläufen beeinträchtigt worden. Das geht aus der aktuellen Branchenumfrage für den „BHV-Projektlogistik-Monitor 2026“ hervor, die der Wirtschafts- und Interessenverband im Vorfeld der Bremer Kongressmesse „LogisticsConnect“ überregional durchgeführt hat.
Erstmals fragte die BHV für ihren renommierten „Projektlogistik-Monitor“ Unternehmen, ob es in den zurückliegenden 12 Monaten IT- oder Cybervorfälle gegeben habe, wodurch die eigenen oder die der am Geschäft beteiligten Partner spürbar beeinträchtigt worden seien. „Das Ergebnis hat uns überrascht“, berichtet BHV-Präsidiumsmitglied Dr.-Ing. Patric Drewes: „Die Hälfte aller Befragten hat eingeräumt, dass es bei ihnen selbst oder bei Partnerunternehmen zu Störungen gekommen ist.“
Besonders stark haben die Themen Geopolitik und globale Rahmenbedingungen im vergangenen Jahr die Projektlogistik-Branche und ihre Transportketten geprägt: „Die internationalen Konflikte, Sanktionen, Zölle oder politische Spannungen haben 63 Prozent der befragten Unternehmen stark oder sogar sehr stark getroffen“, erklärt BHV-Vorstandsmitglied Patrick Rehberg. „Hinzu kommen weitere 25 Prozent, die uns von einer immerhin mittleren Beeinflussung berichtet haben.“
Das führte zu spürbaren Auswirkungen auf die Betriebe: 71 Prozent mussten Auftragsverschiebungen oder Projektunterbrechungen hinnehmen. Knapp die Hälfte beklagte Verzögerungen durch Sanktionen oder Exportkontrollen sowie höhere Frachtraten oder Zuschläge.
Als weitere Folge der sich verschärfenden geopolitischen Rahmenbedingungen haben sich die Lieferketten für 67 Prozent der befragten Unternehmen verlagert: „Einige Produktions- oder Beschaffungsstandorte sind beispielsweise näher an die Absatzmärkte gerückt, um Transportwege, Risiken oder Abhängigkeiten zu reduzieren“, ergänzt BHV-Geschäftsführerin Petra Lüdeke.
Trotz der Risiken gehen die befragten Unternehmen jedoch mit vorsichtigem Optimismus in das laufende Jahr: Ein knappes Drittel (32 Prozent) erwartet Zuwächse beim Projektlogistik-Volumen, von einer immerhin gleichbleibenden Mengenentwicklung geht knapp die Hälfte aus, 19 Prozent rechnen mit Rückgängen.
Parallel dazu richten die Betriebe ihre Personalplanung im Bereich Projektlogistik aus: 26 Prozent von ihnen planen Neueinstellungen. Der überwiegende Anteil jedoch (57 Prozent) will die Zahl der Beschäftigten konstant halten, 17 Prozent wollen Stellen abbauen.
Der Fachkräftemangel hat im aktuellen Monitor zwar leicht an wahrgenommener Intensität verloren, bleibt jedoch ein strukturelles Problem. Besonders im kaufmännischen Bereich berichten 68 Prozent der Betriebe weiterhin von Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. „Für uns haben die Themen Fach- und Führungskräfteentwicklung sowie Nachwuchsgewinnung weiterhin hohe Priorität“, sagt Christian Leopold, Geschäftsführer von CHS Container.
Trotz des anhaltenden Interesses an Künstlicher Intelligenz nutzt bislang nur jedes fünfte Unternehmen digitale Tools und KI-Anwendungen umfassend in der operativen Projektlogistik. 31 Prozent der Unternehmen gaben an, aktuell in keinem der abgefragten Technologiebereiche Innovationsvorhaben voranzutreiben – ein Befund, der mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit der Branche nachdenklich stimmt.
Aus Verladerperspektive wird der Digitalisierungsgrad zunehmend zu einem entscheidenden Auswahlkriterium für die Logistikdienstleister. „Die Entwicklung von KI-Lösungen, die uns echten Mehrwert bringen, wollen wir gemeinsam gestalten. Dafür brauchen wir innovative und vom Digitalisierungsgrad her gut aufgestellte Logistikpartner“, sagt Sebastian Scheffler, Global Head of Logistics bei der SMS Group.
Beim Thema Nachhaltigkeit zeigt der Monitor ein ambivalentes Bild. Immer weniger Projektlogistiker sehen darin ein Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb – ein Trend, der sich gegenüber den Vorjahren weiter verstärkt hat.
Die Aktivitäten konzentrieren sich vor allem auf die Umsetzung einer Nachhaltigkeitsstrategie (24 Prozent) sowie auf CO₂-Messung, Kompensation und nachhaltige Transportlösungen (jeweils 12 Prozent). Nachhaltigkeit entwickelt sich damit zunehmend vom strategischen Profilierungsinstrument zu einer regulatorisch geprägten Kernanforderung.
An der anonym im Februar 2026 überregional durchgeführten Umfrage haben sich knapp 70 Dienstleister und Verlader aus der Projektlogistik-Branche beteiligt.