Der Online-Lebensmittelhandel stellt besonders hohe Anforderungen an die Logistik. Kundinnen und Kunden erwarten ein Vollsortiment von frischen Lebensmitteln bis hin zu Apothekenprodukten, Lieferungen am selben Tag und präzise Zustellfenster.
Das bis vor Kurzem vom Online-Supermarkt Gurkerl.at in Wien betriebene Fulfillment Center ist jedoch zunehmend an seine Grenzen gestoßen. „Der Anstoß für die Transformation war, dass wir gesehen haben, dass wir im Raum Wien sehr stark wachsen. Wir hatten Steigerungsraten von über 40 Prozent, und wir hatten im alten Lager eben noch sehr manuelle Prozesse. Eine Skalierung war nicht möglich“, berichtet Gurkerl.at-COO Lorenz Diederichs.
Man müsse sich vorstellen: „Wenn wir um 50 Prozent mehr Kunden bedienen, hätten wir auch 40 Prozent mehr Fläche gebraucht. Das war mit dem Standort hier nicht möglich und es war auch nicht profitabel.“
Am Standort Wien hat Gurkerl deshalb eine neue Generation des E-Food-Fulfillments auf Schiene gebracht. Im Zentrum stehen dabei zwei Autostore-Systeme mit mehr als 36.000 Behältern und über 200 Robotern für unterschiedliche Temperaturbereiche. Ergänzt werden sie durch vier KI-gestützte Roboterarme, die Kundenbestellungen teilweise oder komplett vorkommissionieren, indem sie die Produkte in einen Lagerbehälter konsolidieren.
Mitarbeitende bekommen diese Bins zur finalen Fertigstellung bereitgestellt und verpacken die Bestellung. Gesteuert werden sämtliche Material- und Informationsflüsse durch ein eigenes Warehouse Execution System. Diese selbst entwickelte Software verbindet Wareneingang, Bestandsmanagement, automatische und manuelle Kommissionierung, Versand und Tourenplanung zu einem durchgängigen Prozess.
Das Warehouse Execution System steuert Materialflüsse und Automatisierungstechnologien in Echtzeit, priorisiert Aufträge und koordiniert sämtliche Abläufe im Fulfillment Center. Damit verteilt es Bestände intelligent auf die Behälter, um die Fahrwege der Roboter zu reduzieren und die Verfügbarkeit bei parallelen Pick Anfragen zu gewährleisten.
Die Software stellt auch das User Interface bereit, um die Arbeitsschritte klar zu führen und Fehler zu reduzieren. Die fertig kommissionierten Bestellungen verbleiben im Autostore, werden innerhalb des Lager-Systems automatisch nach Lieferrouten sortiert und genau zum richtigen Zeitpunkt für die Zustellung bereitgestellt.
Während Roboter Waren bereitstellen und Bestellungen zusammenführen, werden die Aufträge automatisch den richtigen Touren zugeordnet und für die Auslieferung vorbereitet. Von dort übernehmen die Zustellfahrzeuge den letzten Schritt der Lieferkette direkt bis zur Haustür der Kundinnen und Kunden. So entsteht ein durchgängiger Prozess vom Wareneingang bis zum Lieferfahrzeug. Aktuell werden rund 70 Prozent aller Bestellungen vollständig automatisiert abgewickelt.
„Da wir den Kunden anbieten, innerhalb von drei Stunden oder ab drei Stunden die Lieferung erhalten zu können, haben wir ein extrem kleines Zeitfenster. Dabei macht es unsere Software möglich, innerhalb von 30 Minuten eine komplette Bestellung zu kommissionieren und für den Versand bereitzustellen“, sagt Sven Unkelbach, Head of Change Management, Gurkerl.at. Das Ergebnis seien außergewöhnliche Produktivität und Effizienz.
„Im Zuge der Automatisierung konnten wir das Bestellvolumen um über 200 Prozent erhöhen. Gleichzeitig haben wir die Lagereffizienz auf mehr als 50 Prozent erweitert, einzelne Bereiche sogar mehr als 100 Prozent. Darüber hinaus haben wir die Durchlaufzeit im Lager um 15 Minuten auf unter 30 Minuten reduziert und sind so in der Lage, unser Kundenversprechen mit allen Stunden Lieferfenstern und auch 15 Minuten Lieferfenstern mit über 95 Prozent Wahrscheinlichkeit auszufüllen“, rechnet Sven Unkelbach vor.